Irak – Alpenhorn in Babylon
08.04.2025 – 23.04.2025
Was für ein Land! Endlich mal wieder Action nach dem Larifari-Seniorenreisen in den Emiraten, Oman, Saudi-Arabien und Jordanien.
Ein Land voller Geschichte und Auseinandersetzung. Die „Wiege der Zivilisation“. Ein Land mit zwei Strömen und zwei Teilen: Kurdistan und Irak.

Geht dann auch schon mal gut los mit Prügelei im Copyshop direkt an der Grenze. Der Drucker hat wohl nicht schnell genug gedruckt. Oder so. Geschrei startet, Körper werden geschubst, Computer und Schreibtische wackeln. Einer kriegt Copyshopverbot, Kippen werden angezündet, alle beruhigen sich. Der Drucker druckt.
Spoiler: Das war definitiv der massivste von uns beobachtete Gewaltausbruch während unserer Zeit im Irak…
Betreutes Fahren
Um weitere Eskalationen zu vermeiden, bekommen wir von der jordanisch-irakischen Grenze aus eine obligatorische Militäreskorte bis kurz vor Baghdad. In den unendlichen Sandlandschaften links und rechts der einzigen Straße verstecken sich wohl noch versprengte Daesh-Einheiten. 500 Kilometer Strecke. Zehn Stunden durchfahren. Alle 50 – 60 Kilometer wechselt das Begleitfahrzeug an einem der unzähligen Checkpoints und ein neuer Jungkadett bekommt die glorreiche Aufgabe, uns vorauszufahren.

Nach stundenlangem Fahren durchs Nichts wechselt das Rot-Braun der namenlosen Wüste um uns herum zu einem palmenbewachsenen Grün, mit Ortsbeschilderung, die aufhorchen lässt: Falluja, Abu Graib, Baghdad.
Und dann sind wir alleine. Unsere Eskorte verlässt uns pünktlich zum Sonnenuntergang an einem Checkpoint vor der Hauptstadt. Von nun an können wir wieder normal fahren. Was auch immer das im Irak heißt. Nach 2 weiteren Stunden haben wir es dann auch endlich ins Stadtzentrum geschafft, wo uns der Übernachtungsplatz in Form eines Vergnügungsparks erwartet. Außerdem haben wir gehört, es gibt Bier in Baghdad. Also Auto abstellen und auf zum Biershoppe. Der hatte leider bis auf Weiteres geschlossen, die Regierung scheint ab und zu ihre Einstellung zum Alkohol zu ändern. Aber auch kein Problem. Ein Nachbar führte ein kurzes Telefongespräch und drei Minuten später öffnete sich der Sesam. Drinnen erwartete uns Bier, gebraut nach deutschem Reinheitsgebot, und Ballantines Whiskey.
Erste Erkenntnis im Irak: Nichts ist wie es scheint. Mal wieder.
Baghdad
Tja, was willst du von der Hauptstadt eines Landes, welches dank Team America in die Steinzeit zurückgebombt wurde, erwarten? Eine Auszeichnung für „Juwel des Orients“ definitiv nicht.







Schafe in den Straßen, fragwürdige Elektroinstallationen, gebratene Fische und Hühner und im Fitti wollen sie unser Geld nicht. Uns gefällt es ausgezeichnet.
Ansonsten sieht man eine Menge Vergangenheit und Aufbruch. Vieles ist noch richtig im Arsch und direkt um die Ecke stehen geleckte Ausgehviertel komplett mit dem üblichen Tourinepp: Kühlschrankmagnet, Lederportemonnaies, Portraitmaler und Instagramfotografen. Alles wie immer.





Der Süden
Der kürzeste Weg von Baghdad in die Türkei geht geradewegs nach Norden. Aber wir wollen uns Zeit nehmen, denn wir stehen im Herzen Mesopotamiens und wer in der Schule aufgepasst hat, dem ist zumindest dunkel in Erinnerung, dass das was ganz Tolles war: Babylon, Euphrat und Tigris, Eridu, Uruk und Ur. Alles hier, alles ehemals relevante Orte der Menschheitsgeschichte: die ersten Großstädte, die ersten Schriften, die ersten kodifizierten Rechtssysteme, viel Wasser für fruchtbares Land.
Eridu gilt als die erste Stadt weltweit, Uruk als die größte Stadt zu seiner Zeit und als Entstehungsort der Schrift. Erfunden nicht etwa, um besonders tiefgreifende Gedanken, Gedichte und Geschichten festzuhalten, sondern als Buchhaltungsinstrument, um niederzu“keilschriften“, wer wem was schuldet und daraus entstehende Verpflichtungen. Zivilisation — im Sinne staatlich organisierter Gesellschaften — begann nicht mit Handel oder Erzählungen, sondern mit Rechnungsführung, Verbindlichkeiten und Macht. Schöne neue Welt.
Babylon, bekannt aus Mythen und Sagen (Auge um Auge, Zahn um Zahn). Euphrat und Tigris, die zwei Ströme die Milch und Honig fließen lassen.
Soweit die glorreiche Vergangenheit.
Heutzutage dienen diese Orte für eine Lehrstunde. Eine Lehrstunde über die Vergänglichkeit und über das was bleibt: Staub. Wind. Und Bürokratie.









Natürlich ist der Untergang gesamter Zivilisationen selten monokausal, aber ausschlaggebend war hier die Veränderung der Natur. Keine Asteroiden oder andere Unglücke. Einfach Natur. Das Meer zog sich immer weiter zurück, bis die Städte (heute 160) Kilometer von der Küste entfernt lagen. Der Euphrat änderte seinen Lauf und irgendwann war der Boden so mit Salz aus den Bergen der Türkei gesättigt, dass nichts mehr wuchs. Das Salz ist da bis zum heutigen Tag. Ein paar Sachen wachsen dennoch, aber größtenteils die Müllpflanze.
Auf dem Weg weiter nach Süden begleitet uns der konstante Geruch von Tierkadavern und die vom Winde verwehten Plastetüten glitzern im trüben Licht der Sonne, die ein paar Strahlen durch den Sandsturm drückt. Leben in der Müllkalypse.


Wenn nicht gerade der Sandsturm am Werk ist, kann man sich auch mal einer der Touriattraktionen des Iraks hingeben: Bootfahren.


Allein dafür sollte man nicht in den Süden fahren, aber alles andere auf dem Weg dorthin gibt doch einen guten Eindruck vom Land.
Alpenhorn in Babylon
Das mit den Sehenswürdigkeiten ist hier ja so eine Sache. Es gibt zwei handvoll, die zu erreichen sind. Ansonsten viele Checkpoints und Sperrungen. Die, zu denen man hinkommt, werden dann aber auch gemolken, bis der Touri weint. Das Gebotene ist, wie weiter oben zu sehen, eher gewöhnungsbedürftig. Entweder ist alles wortwörtlich zu Staub zerfallen oder komplett neu aufgebaut. Auftritt Babylon. Das, was die Deutschen nicht „gerettet“ haben, um es im Pergamonmuseum aufzustellen, hat Saddam wieder aufbauen lassen. Inklusive einer Replik des bekannten Ischtar-Tores. „Wandeln zwischen den tausend Jahre alten Mauern Babylons“ gibt es nicht. Lehmziegel aus dem späten 20. Jahrhundert gibt es viele.
Nochmal: Wer das originale Tor sehen möchte, kann auch nach Berlin fahren. Gibt dort bestimmt noch anderes Raubgut anzuschauen.
Das eigentlich Interessante ist, dass Saddam nicht nur Babylon angefangen hat, wieder herzurichten, sondern sich selber einen Palast auf den Hügel nebenan gesetzt hat, um sein Werk zu sehen. Dieses originale Bauwerk wollten wir uns anschauen, doch das ist mittlerweile auch abgesperrt; und selbst mit Verhandlungsgeschick war die geforderte Bestechungszahlung für den „Eintritt“ weit außerhalb unseres Bezahlwillens.
Doch nicht alles war vergebens. Saddams Palast blieb uns zwar verschlossen, aber es öffneten sich die Tore Babylons auf ungeahnte Weise und es gab Kulturprogramm! Kommt ja sonst nicht so oft bei uns vor.
Wie oben erwähnt, lohnt sich Babylon im Irak nur für Leute, die auf Sandschlösser stehen. Aber ein Parkplatz für die Nacht ist immer gerne gesehen. Doch nichts ist! Parkplatz komplett voll. Überall Menschen und Sicherheitsdienst. Alle sehr aufgeregt, ob unseres Erscheinens.
Stellt sich raus, heute ist hier großes Bohei im Theater. Das „Festival for International Culture und Arts“ um genau zu sein. Und international war es! Eigentlich wollten wir uns zum Pöbel in den Oberrang setzen, doch die Security war der Meinung, wir müssten auf die besten Plätze im Rondel, umringt von lokalen Stars und Sternchen, die sich vor dem Hinsetzen ein Stelldichein auf der Bühne gegeben haben. Nachdem dieser Auflauf und das frenetische Klatschen der Besucher vorbei war, gab es von allen gefeierte irakische Volksmusik, dann Flamencotanz und mein persönliches Highlight: Jemand aus der Schweiz stellt sich auf die Bühne und spielt das Alpenhorn. Im Irak. 2025. Find ich gut. Die Menge war nicht so überzeugt und so musste er dann verfrüht aufhören, nachdem die „Es reicht“-Rufe nicht mehr zu ignorieren waren. Ist halt nicht für jeden was.

Die einen verlassen die Bühne, andere betreten ihre in Samarra und Abu Dulaf, um von ihrer Rampe in den Himmel zum Gebet zu rufen. Naja, irgendwann war das mal so. Heute eher in der Kategorie „Alt-verfallen-zugemüllt“. Auch schön.







Der Norden
Der Norden, aka die autonome Region Kurdistan, bietet absolutes Kontrastprogramm. Bergig, grün und sandfrei.




Hier gibt es weiterhin Checkpoints und abgesperrte Bergregionen, doch diesmal geht es nicht um versprengte Daesh-Sympathisanten, sondern hier an der Grenze zur Türkei sitzt die PKK in den Bergen. Außerdem fliegt die Türkei hier gerne Luftangriffe auf selbige, bzw. was man so für die PKK hält.
Was nicht abgesperrt ist, lädt ansonsten zum Verweilen ein.



Nett hier. In der Türkei auch. Da geht es jetzt zum zweiten Mal hin, auf unserem Weg nach Georgien. Wir müssen uns ein wenig beeilen, Kasachstan ruft!
Und sonst so?
Hühner bewohnen die Büros, während die Fische im Auto schwimmen.


